Zahnarztangst gehört zum Praxisalltag – und trotzdem wird sie im klinischen Alltag häufig unterschätzt oder unsystematisch gehandhabt. Ein aktuelles Studienprotokoll einer bundesweiten Querschnittsstudie (Hoekstra, 2026) gibt uns als Fachpersonal Anlass, einen ehrlichen Blick auf unsere eigene Praxis zu werfen: Wie gut sind wir wirklich aufgestellt?
Datenlage: Häufiger als gedacht
Weltweit leidet etwa 15,3 % der erwachsenen Bevölkerung unter Zahnarztangst – davon 12,4 % mit hoher und 3,3 % mit schwerer Ausprägung (Sagar et al., 2024). Bei Kindern liegt die globale Prävalenz sogar bei knapp 19,4 % (Sun et al., 2024). Besonders betroffen sind Frauen und jüngere Erwachsene.
Das bedeutet: Statistisch gesehen sitzt in nahezu jeder siebten Behandlungseinheit ein Mensch mit relevantem Angstniveau. Diese Patienten meiden Vorsorge, kommen erst bei akutem Schmerz – und verstärken damit unwillkürlich den Teufelskreis aus Angst, Behandlungsaufwand und negativer Erfahrung.
Die Forschungslücke: Behandlerperspektive kaum erfasst
Während Prävalenz und Patientenperspektive international gut untersucht sind, fehlen für Deutschland bislang systematische Daten dazu, wie Zahnärzte und Dentalhygieniker die Häufigkeit von Zahnarztangst in ihrer eigenen Praxis einschätzen, welche Management-Strategien konkret zum Einsatz kommen und wie groß der Fortbildungsbedarf tatsächlich ist.
Die Studie von Hoekstra (2026) adressiert genau diese Lücke mit einer bundesweiten Querschnittsbefragung (n ≥ 1.067) unter Zahnärzten und Dentalhygienikerinnen. Erste Befunde aus der Literatur lassen aufhorchen:
• Nur rund 20 % der Zahnärzte setzen strukturierte Angst-Screening-Tools (z. B. MDAS) routinemäßig ein (Dailey et al., 2001).
• 38 % der Dentalhygieniker/-innen fühlen sich nicht ausreichend erfahren im Umgang mit ängstlichen Patienten.
• 57 % empfinden selbst Stress bei der Behandlung dieser Patientengruppe (Hoerler & Hunter, 2021).
Was die Evidenz empfiehlt – und was im Alltag fehlt
Das Spektrum evidenzbasierter Interventionen ist breit – von kommunikativen und verhaltensbasierten Techniken über Entspannungsverfahren bis hin zu pharmakologischen Optionen (Appukuttan, 2016; Armfield & Heaton, 2013). In der Praxis dominieren jedoch nach wie vor informelle, nicht systematisierte Ansätze.
Besonders relevant für Prophylaxeteams und Dentalhygieniker/-innen:
• Tell-Show-Do und Kontrollsignale gehören zum verhaltensbasierten Grundrepertoire – werden aber nicht flächendeckend eingesetzt.
• Strukturiertes Angst-Screening vor der Behandlung ermöglicht eine gezieltere Kommunikation und Praxisorganisation.
• Teamkompetenz ist entscheidend: Angstmanagement ist keine Einzelleistung der Behandlenden, sondern eine Teamaufgabe – von der Anmeldung bis zur Nachsorge.
Was das für unsere Praxis bedeutet
Bei Zahnhelden Ostfriesland sehen wir es als Teil unserer professionellen Verantwortung, das Thema Zahnarztangst aktiv anzugehen – nicht nur reaktiv, wenn Patienten bereits im Stressmodus auf dem Stuhl sitzen.
Das bedeutet konkret: gezielte Fort- und Weiterbildung des gesamten Teams, den Einsatz validierter Screening-Instrumente sowie eine offene Praxiskultur, in der Angst offen angesprochen und ernst genommen wird.
Die laufende Forschung – wie das Studienprotokoll von Hoekstra (2026) – wird in den kommenden Jahren erstmals bundesweite Vergleichsdaten liefern. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse und werden diese in unsere Praxisentwicklung einfließen lassen.
Fazit für die Praxis
Zahnarztangst ist kein Randproblem – sie ist klinische Realität. Die Evidenz zeigt, dass strukturierte Ansätze wirken, dass Fortbildung einen messbaren Unterschied macht und dass die Behandlerperspektive in der Forschung bislang zu wenig Raum hatte.
Drei Fragen zum Nachdenken für das eigene Team:
• Erfassen wir Zahnarztangst bei unseren Patienten systematisch – oder nur, wenn es offensichtlich wird?
• Welche Strategien wenden wir konkret an – und welche könnten wir noch stärken?
• Wann haben wir zuletzt als Team über den Umgang mit ängstlichen Patienten gesprochen?
Ausgewählte Quellen
Hoekstra, E. C. (2026). Zahnarztangst und Dentalphobie in der zahnärztlichen Praxis – Studienprotokoll einer bundesweiten Querschnittsstudie (Preprint).
Sagar et al. (2024). Global prevalence of dental anxiety: A systematic review and meta-analysis. Journal of Oral Rehabilitation.
Hoerler & Hunter (2021). Managing dental anxiety. Dimensions of Dental Hygiene.
Dailey et al. (2001). The use of dental anxiety questionnaires. British Dental Journal.
Appukuttan (2016). Strategies to manage patients with dental anxiety and dental phobia. Clinical, Cosmetic and Investigational Dentistry.
